Arundhati Roys aktueller Roman könnte jahrzehntelange Arbeit von Intersex Aktivist*innen zunichtemachen. - Gopi Shankar Madurai

Gopi Shankar Madurai and Katrina Karkazis at Madrid Summit, University of Madrid
Gopi Shankar Madurai and Katrina Karkazis at Madrid Summit, University of Madrid

Während meines Gesprächs mit Dr. Katrina Karkazis von der medizinischen Fakultät der Standford Universität (Kalifornien), weitläufig bekannt für ihr Buch „Fixing Sex: Intersex, Medical Authority and Lived Experience“, kamen wir auf den aktuellen Roman „The Ministry of Utmost Happiness“ der vielgepriesenen Autorin Arundhati Roy zu sprechen. Ebenso wie ich vertritt Dr. Karkazis die Meinung, dass eine der Hauptfiguren des Romans – Anjum – eine völlig falsche Darstellung der Intersex Gemeinschaft verkörpert. 

Die renommierte Intersex Aktivistin Hida Viloria, Präsidentin der OII USA, kommentiert: „In einem Interview fiel mir auf, dass sie (Arundhati Roy) den Begriff „Hermaphrodit“ verwendete, um eine Figur zu charakterisieren, im Verlauf jedoch die Bezeichnung „Transgender“ wählte. Es ist unverantwortlich von ihr, keine hinreichenden Nachforschungen hinsichtlich der Charaktere, über die sie schreibt, anzustellen, um sich ein Bild davon zu machen, wer sie eigentlich sind.“

Im Roman wird Anjum eingangs als Intersex-Person beschrieben, im Verlauf wird die Figur jedoch als Hijra bezeichnet. Ich selbst bin LGBTQIA+ Aktivist und stehe der Hijra Gemeinschaft in keiner Weise ablehnend gegenüber. Dennoch ist es nicht korrekt, falsch dargestellt zu werden, und eine Identität zugeschrieben zu bekommen, mit der man sich selbst nicht identifiziert.

Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Frau und identifizieren sich auch als solche. Würde es Sie nicht ärgern, von anderen Menschen als Mann angesehen zu werden?

 Das biologische Geschlecht, „weiblich“, männlich“ oder „intersexuell“, bezieht sich auf die, bei der Geburt vorhandenen, Geschlechtsmerkmale. Gender hingegen beschreibt das soziale Geschlecht. Es existieren unzählige Geschlechtsidentitäten sowie sexuelle Orientierungen. Die sexuelle Orientierung wiederum beschreibt, zu welchem Geschlecht wir uns hingezogen fühlen. In Indien sind sich nur wenige Menschen dieser Unterschiede bewusst.

In der Sangam Literatur bezeichnet der Begriff „Pedi“ Menschen mit Intersex-Merkmalen, schließt jedoch auch Antharlinga Hijras sowie verschiedene andere Hijras mit ein. Der Aravan Kult in Koovagam, Tamil Nadu ist eine Volkstradition der Transfrauen, bei der die Mitglieder die Legende[1] während eines dreitägigen Festivals nachstellen. Dieser Kult unterscheidet sich völlig vom Sakibeki Kult Westbengalens, bei welchem sich die Transfrauen weder einer geschlechtsangleichender Operation unterziehen, noch das Gesicht rasieren. Sie kleiden sich weiblich, behalten jedoch ihrer (biologischen) männlichen Attribute, während sie Lieder zu Ehren Krishnas singen. In der konservativen, heteronormativen Gesellschaft Tamil Nadus hingegen, gleichen sich Transfrauen vollständig an, um dem „cis-normativen“ Ideal einer Frau zu entsprechen.

In der Vergangenheit wurden diese sogenannten „Gender-Minoritäten“ auf eine ganz eigene Weise sogar in religiöse Traditionen integriert. Weitere Beispiele solcher Gemeinschaften sind die Nupi Manbis im Nordosten Indiens, die Bachura Devi, die in Gujarat verehrt werden, sowie der Jogappa Kult in Karnataka. Es existieren sogar unterschiedliche Sprachen und Dialekte innerhalb dieser Gemeinschaften, welche von Region zu Region variieren. Als „Hijra Farsi“ – eine Mischung aus Urdu, Hindi und Persisch – wird der Transgender Dialekt bezeichnet, der in Nordindien, Pakistan und Afghanistan gesprochen wird, während die Transgender Gemeinschaft in Karnataka, Andhra, Orissa sowie Teilen Tamil Nadus „Kothi Baashai“ spricht.

Des Weiteren bedienen sie sich einer Zeichensprache sowie spezifischer Verhaltensweisen zur Kommunikation – eine davon ist die unverwechselbare Art des (in die Hände) Klatschens. Diese Gemeinschaften waren sich von jeher der Existenz von Intersex-Personen bewusst, bezeichneten sie als Madebi Usili und betrachteten sie als eigenständige Gruppe mit eigener Identität.

Studierende aus aller Welt kommen zu Shrishti Madurai, um mehr über die Vielfalt dieser Gender-Minoritäten zu lernen. Wenn jedoch eine vielgelobte Schriftstellerin, welche weltweit über eine große Leserschaft verfügt, diese Gemeinschaften falsch portraitiert, wirft uns das um 10 Jahre zurück. Alle unsere Bemühungen, ein Bewusstsein für unsere Existenz zu schaffen, und deutlich zu machen, dass wir uns von der Hijra oder Transgender Gemeinschaft unterscheiden, waren dann vergebens. Und das nur, weil eine Autorin es nicht für nötig hält, hinreichende Nachforschungen bezüglich der Thematik ihres Buches zu betreiben.

Arundhati Roy kann diese unterschiedlichen Gemeinschaften nicht in einen Topf werfen und sie homogenisieren.

Intersexuelle Menschen wurden in indigenen Gemeinschaften als Madebi Usili, Antharlinga Hijra oder Idailinga bezeichnet. Arundhati Roy stellt meine Gemeinschaft und deren Geschlechtsidentität schlicht und einfach falsch dar. Sie sollte sich angemessen über das Thema Geschlecht, Gender und sexuelle Orientierung innerhalb indigener Gemeinschaften von Gender-Minoritäten informieren. Denn diese sind auf dem Subkontinent von großer Diversität geprägt.

Intersexuelle Menschen können nicht mit Transmenschen gleichgesetzt werden. Diese Unterschiede klar zu benennen und zu definieren ist Roy nicht gelungen.

Es ist zwar ihr gutes Recht, eine fiktive Geschichte zu entwerfen, dennoch sollte sie, wenn sie über eine bestimmte Gemeinschaft schreibt, Nachforschungen anstellen und zumindest die Fakten berücksichtigen.

Wir haben so mühevoll für mehr Sichtbarkeit sowie für mehr Bewusstsein für unsere Existenz und Identität als Intersex-Personen gekämpft. Wenn uns jedoch progressive Autor*innen, wie beispielsweise Arundhati Roy, fehlerhaft darstellen, wird vielen Menschen ein falsches Bild unserer Gemeinschaft vermittelt.

Um unseren Leser*innen ein besseres Verständnis für die Begrifflichkeiten zu ermöglichen, werde ich kurz die grundlegenden Unterschiede zwischen Hijras und Intersexuellen erläutern.

Intersexualität ist eine biologische Geschlechtsidentität, während Transgender eine soziale Geschlechtsidentität ist. Hijras fallen auch unter den Begriff Transgender, jedoch nicht alle Transmenschen sind Hijras. Intersex-Personen werden mit nicht eindeutigen reproduktiven Organen und/ oder verschiedenen Variationen hinsichtlich ihrer Geschlechtsmerkmale, wie Chromosomen, Keimdrüsen und Sexualhormonen geboren.

Die Hijra Gemeinschaft repräsentiert eine der ältesten Geschlechtsidentitäten Indiens und verfügt über eigene Sprachen, Traditionen, Rituale sowie Verhaltensregeln. Einige Intersex-Personen identifizieren sich als Transgender, was jedoch nicht repräsentativ für unsere ganze Gemeinschaft ist.

Der Begriff „Hermaphrodit“ ist abfällig und wir lehnen diesen Terminus für uns ab. Weshalb werden unsere Leute homogenisiert?

Als Änderung, bzw. Entschädigung wünschen sich Intersex Gemeinschaft sowie Intersex Aktivist*innen von der Autorin, sie möge doch wenigstens eine ergänzende Seite hinzufügen, auf der sie die Unterschiede zwischen biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität, sowie die Unterschiede zwischen Intersexuellen und der Hijra Gemeinschaft klarstellt.

Toni Briffa, der weltweit erste intersexuelle Politiker, frühere Bürgermeister von Hobson`s Bay City und Mitglied des OII Australien stellt fest:

„Eine Verquickung der Begriffe „Intersex“ und „Trans“ zeigt, dass diese Menschen nicht wissen, was Intersexualität ist. Intersexualität bezieht sich auf die Biologie. Intersexualität bedeutet, dass man mit Geschlechtsmerkmalen geboren wird, welche sich außerhalb der medizinischen Norm für männlich und weiblich befinden. Es geht dabei nicht um Menschen, die mit einem bestimmten biologischen Geschlecht geboren wurden, welches nicht mit ihrer Geschlechtsidentität übereinstimmt.

Die falsche Darstellung durch eine Person, die sich als Expertin bezeichnet, ist bedenklich. Noch bedenklicher ist ihre Weigerung, die falsche Darstellung zu korrigieren, nachdem sie aus zuverlässigen Quellen darüber informiert wurde, dass ihre Beschreibungen falsch, beleidigend und schädlich für unsere Gemeinschaft sind.



[1] Aravan, Sohn des Arjuna und seiner Frau Ulupi, ist ein bedeutsamer Krieger des Epos Mahabharata. Als Zeichen der Tapferkeit plant er, sich selbst zugunsten der großen Schlacht in einem Opferritual zu töten. Um die Bestattungsrituale eines verheirateten Mannes zu erhalten, sucht er eine Frau, die bereit ist, ihn vor seiner Selbstopferung zu heiraten. Dies gestaltet sich jedoch schwierig, da sich alle vor dem frühen Witwendasein fürchten. Da schreitet Krishna ein indem er seine weibliche Form, Mohini, annimmt, Aravan heiratet und die Hochzeitsnacht mit ihm verbringt. Danach nimmt Krishna wieder seine männliche Form an. In der Volkstradition von Koovagam wird vom Klagen Mohinis nach der Selbstopferung Aravans berichtet. Die Aravanis (Transfrauen) stellen während des Festivals die Hochzeit sowie das anschließende Klagen über den Verlust Arvavans nach.


For Srishti Madurai LGBTQIA+ Student Volunteer Movement, Translation and

Inputs from Katrin Bender, Heidelberg University Germany (Intern with Srishti Madurai 2018).

Indien darf im Fall Santhi Soundarajan nicht scheitern - Gopi Shankar Madurai

 Athlete Santhi Soundarajan & Gopi Shankar Madurai (The American College, 2015) 

Ich war noch Schüler und besuchte die 10. Klasse, als ich durch Zeitungsartikel auf Santhi aufmerksam wurde. Erinnert ihr euch? Die Athletin, die ihre Medaillen bei den Doha Asian Games 2006 aberkannt bekam? Richtig. Der Name dieses Mädchens ist Santhi. Ihr vollständiger Name Santhi Soundarajan. Da ich mich zu dieser Zeit selbst in einer schweren Krise bezüglich meiner eigenen Geschlechtsidentität befand, interessierten mich diese Nachrichten natürlich. Diesem Mädchen war nicht nur die Medaille von Doha aberkannt worden, sondern auch die 11 Medaillen, die sie bereits für ihr Land gewonnen hatte. Nur weil sie von einigen (nicht-indischen) Obrigkeiten in Doha für nicht weiblich erklärt worden war. Ich empfand sofort eine starke Verbundenheit mit ihr. Instinktiv wusste ich, dass ihr Unrecht getan wurde. Doch nie im Traum wäre mir eingefallen, dass ich eines Tages die Richtlinien bezüglich der Geschlechterüberprüfung der IAAF (International Association for Athletic Federation) anfechten würde, welche vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannt worden waren. Einige Jahre später, 2012, fand ich mich als Organisator einer Parade zu Ehren des Wissenschaftlers Alan Turing wieder, dem Entwickler des „Turing Tests“ zur Überprüfung künstlicher Intelligenz, der selbst schwul gewesen war und aufgrund seiner sexuellen Orientierung Selbstmord begangen hatte. Daher zelebrierten wir seinen Geburtstag als Gender Queer Parade in Madurai, meiner Heimatstadt. Es stellte sich heraus, dass dies Asiens allererste Gender Queer Parade war. Dort machte ich auf Santhis Geschichte und den damit verbundenen, nicht enden wollenden Kampf um Gerechtigkeit aufmerksam. Sie war ein Opfer des Systems und die gegenwärtigen Feminist*innen ließen diese Ungerechtigkeit im Rampenlicht der Medien einfach geschehen. 

 Dieser Schritt in die Öffentlichkeit führte zu einer neuen Entwicklung. Ein befreundeter Journalist machte mich mit Santhi persönlich bekannt. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Gespräch mit ihr. Stotternd vor Aufregung teilte ich ihr am Telefon mit zitternder Stimme mit: „Akka (ältere Schwester), ich bin dein erster Fan, du liegst mir so sehr am Herzen und möchte dich unterstützen. Ich will dass du aufstehst und für Gerechtigkeit kämpfst!“ Ich hätte weder zu einem besseren, noch zu einem schlechteren Zeitpunkt anrufen können – je nachdem, wie man es betrachtet. Santhi stammt aus einer tamilischen Hindu Familie, die als scheduled caste (ehemals „Unberührbare“) bezeichnet wird. Sie war die einzige Hoffnung ihrer Familie, der Armut zu entkommen. Nun war diese Hoffnung zerstört worden und sie selbst war das Opfer öffentlicher Ächtung und Demütigung. Die Gewinnerin von 12 Medaillen für Indien arbeitete nun in einer Ziegelbrennerei. Zuvor hatten bereits einige Leute Kontakt mit ihr aufgenommen und ihr Hilfe angeboten. Jedoch waren sie so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren. Daher sagte Santhi nur höflich, aber teilnahmslos „danke“. Ich konnte die Resignation in ihrer Stimme hören. Mein Anruf hatte sich jedoch in einem Punkt von den anderen unterschieden. Ich hatte sie „akka“ genannt. Es war das erste Mal, dass ein Fremder sie so genannt hatte. Dies bewegte etwas in ihr, wie sie mir später mitteilte. Weil ich diesen Fatalismus in ihrer Stimme bemerkte, den das System ihr lange genug eingeimpft hatte, insistierte ich: “Akka! Es geht nicht nur um das, was du durchgemacht hast, sondern auch darum, zu verhindern, dass künftige Sportlerinnen das gleiche durchmachen müssen. Deshalb müssen wir um deine Medaille kämpfen!“ Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich mit diesen Worten soeben in einen Kampf eingetreten war. Den Kampf gegen ein elitäres System aus Macht und diversen eigennützigen Interessen. Zuvor war bereits Süd Afrika als Nation für ihre Sportlerin Caster Semenya eingetreten, als der IAAF auch ihr die Medaille aberkennen wollte und sie öffentlich demütigte. Da Süd Afrika jedoch für sie einstand, erhielt sie nicht nur ihre Medaille zurück - sie gewann 2016 sogar Gold. Doch wir als indische Nation haben im Fall von Santhi versagt und uns nicht für sie interessiert. Die fürchterlichen Demütigungen, denen Santhi durch den IAAF ausgesetzt war, hätte ich mir zuvor nicht einmal im Traum ausmalen können. Die indischen Amtspersonen hatten dies schweigend hingenommen. Als ich sie schließlich in ihrem Dorf Kathakuruchi im Pudukottai Distrikt zum ersten Mal persönlich traf, hielt sie meine Hand, während sie die Vorkommnisse schilderte:

 
„Gopi, ich stand länger als einen halben Tag nackt da für diese körperlichen Untersuchungen, von denen ich keine Ahnung hatte, welchen Zweck sie erfüllen sollten. Ich wusste nicht einmal, auf was ich getestet wurde. Ich wusste nicht, dass es eine Geschlechterüberprüfung war. Als eine Gruppe männlicher Ärzte herein kam, suchte ich verzweifelt nach dem indischen Arzt, der uns begleitet hatte. Er war jedoch nirgends zu sehen. Diese Ärzte waren alle männlich, sprachen eine andere Sprache und hatten eine andere Nationalität. Während ich nackt vor ihnen stand, stellten sie mir Fragen, die ich nicht verstand. Sie deuteten mir an, vor ihnen zu urinieren…“

Santhi brach vor meinen Augen zusammen. Menschen wie ich wissen, was Demütigung bedeutet. Aber darauf war selbst ich nicht vorbereitet. Vor mir stand eine Frau aus ganz einfachen Verhältnissen, die Medaillen für Indien gewonnen hatte. Bei ihr zu Hause gab es keine Elektrizität und kein fließendes Wasser. Die hygienischen Verhältnisse waren schlecht. Selbst die Momente ihrer Siege konnten ihre Eltern nur über den Fernseher der Nachbarn erleben. Mit einem einzigen Paar geliehener Schuhe hatte sie 12 Medaillen für Indien gewonnen. Dennoch gab es nicht einen einzigen Menschen des gesamten indischen Aufgebots in Doha, der für sie eingetreten war, als sie diese Demütigungen erlitt, die beinahe an Vergewaltigung grenzten. Als Santhi ihre Medaille verlor, verlor Mutter Indien zeitgleich ihre Ehre – so empfand ich das. Mag sein, dass das Schweigen nachvollziehbar war. Hatte nicht auch Schweigen im Gerichtshof geherrscht, als Draupadi ihrer Ehre beraubt wurde? Auch wenn man diesem Epos keinen Glauben schenkt - in Doha wurde es Wirklichkeit. Selbst in dieser Zeit der Verzweiflung offenbarte sich mir Santhis innere Größe. „Ich möchte diese Medaille zurück haben. Nicht für mich, sondern für diese Nation“, das waren ihre Worte. „Das letzte, was ich brauche, ist Mitleid. Das möchte ich nicht.“ Durch die Gleichgültigkeit und Unfähigkeit der Amtspersonen ihres eigenen Landes, für das sie antrat, war ihr sehnlichster Wunsch von olympischem Gold in abertausend Stücke zerfallen. „Du wirst deine Träume verwirklichen, akka“, sagte ich zu ihr, „durch die Mädchen, die du trainieren wirst. Dein Licht wird weiter leuchten.“ Sie lachte bitter. „Sind dir meine Lebensumstände nicht bewusst, Gopi? Wie sollte ich die Zeit aufbringen, Mädchen zu trainieren?“ Stimmt. Wie sollte sie das bewerkstelligen? Sie, die nun wieder in Armut lebte und in einer Ziegelbrennerei arbeitete. Wie sollte sie jemals wieder im Sportgeschäft mitwirken, wenn die Regierung nicht willens wäre, ihre Medaille zurückzuholen und ihre Leidenschaft anzuerkennen, junge indische Talente zu trainieren? Santhi sollte mein Fall werden, dazu war ich fest entschlossen. Aber ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. 

Bereits 2014 während des Annual Hindu Spiritual and Service Fair hatte Vanathi Srinivasan, Vorsitzendende der BJP (Bharatiya Janata Party) alle Anwesenden überrascht, als sie sich für die Veröffentlichung meines Buches zu LGBTQIA Themen einsetzte. Dies gab mir einen Funken Hoffnung. Ich kontaktierte die BJP Vorsitzenden, um den Fall mit der Regierung zu verhandeln. Sie nahm persönlich Anteil an Santhis Fall und sammelte 50000 Rupien für sie. Ferner bemühte sie sich um Termine mit dem Sportminister Sarbananda Sonawal, dem Verkehrsminister Pon Radhakrishnan, sowie Santhis Kollegen, dem Olympioniken und gegenwärtigen Minister Rajyavardhan Singh Rathore. Diese sollten ihr behilflich sein, eine dauerhafte Anstellung als Trainerin zu erhalten sowie ihre Silber Medaille über 800m der Doha Asian Games 2006 zurückzuholen. Pon Radhakrishnan machte sich die Mühe, Sonowal (Sportminister) persönlich wegen Santhis Preisgeldes anzuschreiben. Die Antwort des Ministeriums (der Minister antwortete nicht persönlich) bezüglich des Preisgeldes und der Festanstellung im Sportverband zerschlug abermals Santhis Hoffnungen. 

In einem knappen Brief wurde sie darüber informiert, dass das Preisgeld ohne die Medaille nicht ausgezahlt werden könne. Auch, dass das Ministerium keine Arbeitsplätze vergeben könne. Trotz des Wohlwollens einiger Politiker, war Santhi daher noch immer mit einem System aus immensen Machtstrukturen konfrontiert. Allmählich dämmerte es mir. Die öffentliche Demütigung, sowie die Aberkennung der Medaille hatten sich während der Regierung von Lalit Bhanot, einem Vertrauten des früheren Suresh Kalmadi, ereignet. Die beiden waren im Zuge des Commonwealth Games Betrugs von 2010 verurteilt worden. Selbst nach dem Regierungswechsel 2014 nahm Bhanot weiterhin großen Einfluss auf die Welt des Sports. Er ist seit mehr als 10 Jahren Vizepräsident der Asian Athletic Association. Das beschämende Ereignis trug sich während der Amtszeit des Indian National Congress zu, als Kalmadi über 10 Jahre lang den Vorsitz der Indian Olympic Association innehatte. Im Jahre 2009, als der Fall von Caster Semenya gerade aktuell war, teilte Bhanot, der sich mit Kritik aufgrund unterlassenen Handelns konfrontiert sah, der BBC mit: „Weshalb sollte Soundarajan ihre Medaille nicht auch zurückbekommen? Wenn Semenya sie zurückbekommt, können wir auch darüber nachdenken, uns mit den internationalen Autoritäten anzulegen.“ Santhis persönliche Erfahrungen mit Bhanot spiegeln jedoch weder Engagement noch Empathie wieder. Im Jahr 2006, direkt nach ihrer Rückkehr aus Doha, sollte Santhi in der Residenz von C K Valson, Amtsperson und Vertrauter Bhanots, einige Papiere unterzeichnen. Bhanot drängte darauf, sie solle die Papiere unterschreiben, obgleich sie nichts verstand, da sie in englischer Sprache verfasst waren. Die einzigen Worte, die sie während des Gesprächs verstand und die sich ihr für immer einprägten, waren: “Du kannst keinen Sport mehr machen.“ Als sie fragte, weshalb, wurde ihr schlicht und einfach gesagt: „Es ist hiermit besiegelt. Du kannst an keinen Sportwettkämpfen mehr teilnehmen.“ Keines der Papiere wurde ihr ausgehändigt. Als ich Santhi nach dem Bericht ihrer Geschlechterüberprüfung fragte, sagte sie mir, sie habe so einen Bericht nie zu Gesicht bekommen. Ich riet ihr, den Bericht, sowie alle relevanten Informationen auf der Grundlage des RTI (Right to Information Act = Gesetz bezüglich des Rechts auf Information) einzuklagen. Daraufhin schickte sie nach nunmehr 10 Jahren Anträge an die SAI (Sports Authority of India), die AFI (Athletics Federation of India), die IOA (Indian Olympic Association), sowie an das Ministerium für Sport und Jungendarbeit. Die Antworten fielen unterschiedlich aus, dennoch hatten sie eines gemeinsam: Niemand gab uns eine positive Rückmeldung. Der AFI schrieb, die Sperre ginge nicht von ihnen aus, IOA, SAI und das Sportministerium teilten uns mit, die Angelegenheit falle nicht in ihren Zuständigkeitsbereich. Dies alles hätte eine Szene aus der Comedy Serie „Yes Minister“ sein können. 


Wenn Santhis Fall nur nicht so unendlich tragisch gewesen wäre. Sie hatte bereits einen Suizidversuch hinter sich. Die Zeit arbeitete gegen uns. Selbst die NCSC (National Commision for scheduled castes) reagierte anfangs nicht auf ihre Beschwerde. Wieder und wieder bekamen wir auf unmenschliche Weise die Macht der Bürokratie zu spüren. Dunkle Momente voller unsensibler Fragen raubten uns Kraft: „Santhi, wer? Sind Sie eine Frau oder ein Mann?“ Und so weiter... Als wir in Delhi alleingelassen, hilflos und gedemütigt mit einem derartigen Geflecht aus Machtstrukturen konfrontiert waren, begriff ich eins: Dieses ganze System muss dringend reformiert werden. Wir haben im Fall Santhi versagt!

 Zwischenzeitlich hatte uns ein Anwalt namens Sathyachandran kontaktiert, der unsere Interviews in verschiedenen lokalen Zeitungen gelesen hatte. Er erhob in Santhis Fall Anklage vor dem Obersten Gerichtshof (Madras High Court). Am 29. Juli 2015 wies der Oberste Gerichtshof die Regierung an, Santhis Gesuch zu berücksichtigen. Der Richter hielt das Ministerium für Sport- und Jugendarbeit an, sie, aufgrund ihres besonderen Falls, für eine dauerhafte Anstellung als Trainerin in Erwägung zu ziehen. Ein Termin mit dem regionalen Sportminister, Mafoi K. Pandiyarajan, im September 2010, war schließlich unser letzter Versuch. Sein persönlicher Sekretär, Herr Ramesh, nahm sich Zeit und hörte sich zwei Stunden lang unsere Geschichte an. Er war sichtlich bewegt. Dann geschah das Wunder. Am 20. Dezember 2016 bot Pandiyarajan Santhi eine dauerhafte Anstellung als Trainerin an. Im Fall Caster Semenya war ihr Land für sie eingetreten und das Internationale Komitee hatte sich der kritischen Frage Süd Afrikas stellen müssen: „Wird jede Athletin, die die erwartete sportliche Leistung bei weitem übertrifft in einer derartigen Weise in Frage gestellt?“ Der IAAF war daraufhin gezwungen worden, sich zu entschuldigen und nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio war Süd Afrika um eine Gold Medaille reicher. Das „Land des Mahatma Gandhi“ kann demnach etwas vom „Land des Nelson Mandela“ lernen. 

2009 erhob Santhi ihre Stimme für Caster Semenya. Der Zeitschrift The Time sagte sie: „Semenya sollte sich weder ihre Medaille wegnehmen, noch diesen einen Test über ihr Schicksal entscheiden lassen. Sie ist eine Frau. Punkt. Daran wird auch eine Geschlechterüberprüfung nichts ändern. Wer hat das Recht, über die Identität eines Menschen zu entscheiden?“ Später dann, 2016, als Santhi mich bat, ein Twitter Profil für sie einzurichten, überraschte uns Caster, indem sie Santhi auf Twitter folgte und ihr Nachrichten der Dankbarkeit und Unterstützung zukommen ließ. Zwischenzeitlich, im Jahr 2014, hatte sich Santhis Schicksal noch einmal wiederholt. Diesmal innerhalb Indiens. Die 19-jährige Sprinterin Dutee Chand war im Sommer nach einem Hormontest gesperrt worden. Im Juli 2015 fällte der Internationale Sportgerichtshof dann ein historisches Urteil, indem er die Geschlechterüberprüfung des IAAF auf „Hyperandrogynität“ wegen mangelnder Wissenschaftlichkeit für zwei Jahre verbannte. Der Kampf geht demnach weiter. In Santhis Kampf geht es weder um Mitleid, noch um sie selbst. Sie kämpft für ihr Land. Sie kämpft für Menschenwürde. Der Kampf wird erst dann beendet sein, wenn sie die Medaillen zurückbekommt, die sie für Indien gewonnen hat. 


Im August 2016, am Feiertag Raksha Bandhan, schickte Santhi dem Premierminister Indiens, Narendra Modi, ein rakhi (gesegnetes Band der geschwisterlichen Liebe). Sie bezeichnete ihn als ihren Bruder und dankte ihm dafür, eine Ära der Offenheit und der Debatten um richtig und falsch eingeläutet zu haben. Am Ende ihres Briefes bat sie ihn um Rückmeldung, als Zeichen dafür, dass man sie nicht vergessen habe. Der Premierminister reagierte prompt auf ihren Brief und das rakhi und nannte sie seinerseits „Schwester“. Heute, nachdem die Regierung Modi neue Erfolge hinsichtlich der Verbannung korrupter Persönlichkeiten aus Organisationen wie dem IOA verbuchen kann, erscheint das Ziel wieder greifbar, die verlorenen Medaillen für Indien zurückzuholen. Diese waren durch die Gleichgültigkeit der früheren Regierung sowie durch eine pseudo- wissenschaftliche Geschlechterüberprüfung verloren worden. Vielleicht kann ein indisches rakhi die Ehre eines Landes wiederherstellen, die durch das Ideal der binären Geschlechter - ein Erbe der Kolonialzeit - verloren ging. 


For Srishti Madurai LGBTQIA+ Student Volunteer Movement, Translation and

Inputs from Katrin BenderHeidelberg University Germany (Intern with Srishti Madurai 2018).

Law-making in South Asia on Intersex Rights: Breaking free from the binary | Gopi Shankar Madurai

SOGIESC identities in most South Asian countries continues to be driven by a Eurocentric lens.
The equal rights movement in the South Asian region has seen several milestones in the last decade. Issues related to sexual orientation, gender identity and expression and sex characteristics (SOGIESC) are increasingly becoming part of the mainstream civil rights discourse. Several South Asian countries including India, Pakistan, Bangladesh, Nepal have taken steps to create a legal protection regime for the rights of people with diverse SOGIESC identities. However, it has been observed that the understanding of SOGIESC identities in most South Asian countries continues to be driven by a Eurocentric lens. It is important to mention here that the above-mentioned countries were under the colonial rule of British or other European countries. It was in the colonial era when these identities were criminalised by law, and most countries retained such laws even after independence. As a consequence, the law-making on issues related to gender and sexuality continues to be rooted in heteronormative notions and results in erasure of several SOGIESC identities. Intersex people are often invisiblised in the public discourse in general and legal arena in particular. While the recent developments in South Asia need to be celebrated, it is also important to examine the extent to which intersex people are protected by such laws.
Queer Rights in Asia: Historical Perspective
The queer liberation movement has taken different trajectories in different countries in the South Asian region. For decades, decriminalisation of homosexuality has remained the focus of the queer movement and therefore, the discussion on issues related to gender identity and sex characteristics were always eclipsed by the discourse around sexual orientation. This led to further marginalisation of transgender and intersex persons. While there have been several progressive judgments from Constitutional Courts in the above-mentioned countries which recognised the rights of transgender persons, the subject of intersex human rights continues to remain off the grid in the legal sphere. To understand the current state of affairs, it is important to trace the origins of the erstwhile legal framework in India, Pakistan, Nepal, and Bangladesh. Except for Nepal, the countries of India, Pakistan, and Bangladesh were not distinct states prior to 1950s, and the undivided region was ruled by the British for more than two centuries. During this phase, the British enacted a comprehensive criminal law regime in which one particular provision i.e. Section 377 of the Indian Penal Code, 1860 penalised adult consensual same-sex relationships. This provision remained on the statute book till it was finally outlawed by the Indian Supreme Court in the year 2018. When it comes to other SOGIESC identities, the British enacted Criminal Tribes Act, 1871 which homogenised all the indigenous gender variant communities and criminalised them. Since then, gender variant groups have been at the receiving end of serious discrimination and abuse due to continuance of unjust laws. It is important to mention here that members of transgender community have had a long-standing history, and they have even been visible in their own identities which are known by different names in the region. However, it is not the same for intersex people who do not have a community of their own. More often than not, they are considered to be a transgender person which is essentially a gender identity as opposed to intersex which is a biological sex characteristic. This distinction is overlooked in public discourse as well as legal parlance. The recently enacted Indian law – Transgender Persons (Protection of Rights) Act, 2019 is a case in point. Moreover, the judicial pronouncements in the above-mentioned Asian countries have also not been able to appreciate the distinction between transgender people and intersex people. In each of these legal developments, the history of law-making on this subject has played a vital role in determining the course of the discussion on intersex human rights.
Emergence of Intersex Human Rights Movement
As mentioned earlier, the intersex human rights as a subject have remained an undercurrent in the queer movement across the South Asian region. There is hardly any conversation at the national level in any of the countries on this subject. The issue of invisiblisation of intersex people was aptly highlighted in the First Asian Intersex Forum which stated the following in its Public Statement: “Throughout Asia, lack of awareness about intersex issues from medical professionals leads to unnecessary and inhumane medical procedures, which include ‘normalising’ surgeries and treatments on intersex infants, adolescents and adults.” This section is aimed at examining the legal developments in each of the mentioned Asian countries from the perspective of intersex human rights. As mentioned in the Public Statement of Asian Intersex Forum, the harrowing practice of unnecessary ‘normalising’ surgeries on intersex infants and children is still continuing. In this regard, a major breakthrough was achieved last year in 2019 when Madras High Court in India passed a remarkable judgmentdirecting a ban on unnecessary medical surgeries on intersex infants and children in the state of Tamil Nadu. The Tamil Nadu government passed a Government order giving effect to the directions of the Court. It was hoped that this practice would also be declared unlawful while the Indian Parliament discussed the draft law for transgender persons. Early this year, the Transgender Persons Act was passed. The enacted version came under heavy criticism from the intersex activists as it did not place a legislative ban on intersex surgeries. In 2007, the Nepalese Supreme Court recognised a ‘third gender’ category, which comprised of intersex people and also called for a “declaration for full fundamental human rights for all sexual and gender minorities-lesbian, gay, bisexual, transgender, and intersex citizens.” While the Court did recognise the right to self-determine one’s identity, it homogenised the gender diversity under one category. Few years later, the Indian Supreme Court in 2014 repeated the same error in a judgment and created a ‘third gender’ category. These judgments need to be appreciated for recognising the constitutional rights of various transgender communities. At the same time, it needs to be remembered that these judgments have created to a problematic narrative for gender diverse people. In Pakistan, the discourse on this issue began with a 2009 Supreme Court judgment which took cognisance of human rights violations against the Hijra community and declared that they are entitled to constitutional rights. When it comes to the legislative definition, the recently enacted Pakistan law defined “transgender person” as an “intersex (Khunsa) with mixture of male and female genital features or congenital ambiguities” or a male who “undergoes genital excision or castration”, or “any person whose gender identity and/or gender expression differs from the social norms and cultural expectations based on the sex they were assigned at the time of their birth”. Again, the intersex people have not been distinguished from transgender people. When it comes to Bangladesh, the 2013 ordinance promulgated by the government suffers from similar anomalies as it does not distinguish between a transgender person and intersex person. As per the law in Bangladesh, ‘third gender’ was introduced as an option in the identity documents, and people from gender diverse groups could identify themselves as ‘Hijra’. Clearly, the legal developments in each of the above-mentioned jurisdictions are at complete variance with the demands of the intersex community. Among other demands, the public statement of the Asian Intersex Forum in 2018 particularly highlighted the distinction between transgender people and intersex people in the following words:
“to recognise that being intersex relates to biological sex characteristics, and is distinct from a person’s sexual orientation or gender identity.”
Going forward, it is hoped that demands of intersex people will be given due consideration in the legal systems. It is critical to legally recognise the distinction between the needs of transgender people and intersex people. Lastly, it is also imperative that the law provides for a complete ban on unnecessary medical surgeries on intersex infants and children. The state of Tamil Nadu has showed the way in this direction. It is instructive for the Indian Parliament and the Union legislatures in the neighbouring countries Nepal, Pakistan and Bangladesh to emulate the model adopted by the state of Tamil Nadu.
Article first published on Suddhashar.com